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BeitragVerfasst: Mo Mär 08, 2021 3:57 pm 
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Ich habe für ein kommendes Projekt einmal die Ansichten und Möglichkeiten einer historisch belegbaren Polizeidarstellung unmittelbar nach der Kapitulation zusammen gefasst.
Das ganze Ding umfasst mehrere Seiten mit Fotos etc, das hier eine Zusammenfassung als Handreiche.

Evtl plant ja jemand eine ähnliche Darstellung. Ich kann da auf meine 1936-1945-Polizeidarstellung sehr gut aufbauen.
Kopieren nur mit Nennung meines Copyrights, wie immer.

Vielleicht stelle ich noch die Fotos dazu hier rein, mal sehen.


Die Schutzpolizei in den ersten Monaten nach Kriegsende 1945
Möglichkeiten der Darstellung bei Museumsveranstaltungen

Zusammengestellt von Frank Hübner, Verden


1. Allgemeines zur „Deutschen Polizei“

Im allgemeinen Sprachgebrauch nutzt man gerne im Reenactment/Living History den Begriff „Polizeidarstellung“. Man muss aber bedenken, dass es „die“ deutsche Polizei seit Juni 1936 nicht mehr gab. Die Gesamtorganisation nannte sich ab da „Deutsche Polizei“, teilte sich aber auf in die Ordnungspolizei mit den Untergliederungen
- Schutzpolizei des Reiches
- Schutzpolizei der Gemeinden
- Gendarmerie /motorisierte Gendarmerie
- Feuerschutzpolizei (vorher Berufsfeuerwehren)
- Sowie die kleineren, unterstützenden Sparten Verkehrspolizei, Verwaltungspolizei, Kolonialpolizei, Hilfspolizei
Die Technische Hilfspolizei umfasste die
- Nicht in die Feuerschutzpolizei übernommenen Berufsfeuerwehren (meist der Kleinstädte)
- Freiwillige Feuerwehren, Pflicht- und Werksfeuerwehren sowie HJ-Feuerwehren
- Technische Nothilfe
- Luftschutzpolizei
Sowie als dritte Gliederung die Sicherheitspolizei mit den Sparten
- Kriminalpolizei
- Geheime Staatspolizei
- Grenzpolizei
- Verwaltungsdienst
- Sicherheitsdienst
- Polizeigefängnisaufsichtsdienst

Diese Aufstellung dient nur zur Übersicht, was der Begriff „Deutsche Polizei“ bedeutet.

2. Die Polizei nach der Besetzung

Meine Ausarbeitung bezieht sich auf die Britische Besatzungszone, speziell im Landkreis und der Stadt Verden (Aller) im Zeittraum 17.04.1945 (der Einnahme der Stadt durch Einheiten der 53rd Welsh Division) und dem Juni 1945, als die Arbeit der Polizeien und Feuerwehren durch die Besatzungsverwaltung endlich geregelt wurde.

Die meisten Kleinstädte und Gemeinden verfügten über kleine Reviere, Dörfer gar nur über Einzelposten („Polizeieinzeldienst“). Während des Krieges war deren Aufgabe, die Ordnung aufrecht zu erhalten, die Lebensmittelabgaben der Landwirte zu überwachen, kleinere Straftaten zu ahnden (schwere oder gar „staatsgefährdende“ Straftaten wurden an die Kriminalpolizei oder die GeStaPo übergeben). Die Polizeien der 3 Gliederungen unterstanden ab 1936 dem Reichsführer $$, weshalb z.B. die Sicherheitspolizei auch SS-Dienstgrade führten. Der Versuch Himmlers, im Februar 1943 der gesamte Polizei mitsamt der Feuerwehren ebenfalls Rangabzeichen und Bezeichnungen der $$ zu befehlen, scheiterte im August 1943 am Widerstand der Polizei, und die Einführung wurde auf unbestimmte Zeit, später auf „nach dem Endsieg“ verschoben.
In kleineren Gemeinden (hier am Beispiel die Gemeinde Kirchlinteln im Landkreis Verden) gab es eine Polizeiwache im Dorf Kirchlinteln, besetzt mit 2 Beamten und in der gemeindezugehörigen Ortschaft Hohenaverbergen einen Beamten im Polizeieinzeldienst. Das „Revier“ bestand jeweils aus einem Dienstraum im Rathaus (Krichlinteln) bzw im Büro des Ortsgruppenleiters (Hohenaverbergen). Die Ausstattung war eher dürftig: Schreibtisch, eine Schreibmaschine, ein Telefon, Akten mit den aktuellen Gesetzen und Verordnungen und ein Fahrrad, damit man auch die anderen Ortschaften erreichen konnte. Ein eigenes Kraftfahrzeug gab es hier nicht (wie in den meisten kleineren Gemeinden).

Mit Einmarsch der Briten wurde gerade in Norddeutchland eher wenig Widerstand durch den Volkssturm (wo die Polizeien theoretisch mit aufgerufen werden sollten). Eine Kompanie,die aus Hamburger Polizisten gebildet wurde, kämpfte noch bei Lauenburg an der Elbe. Generell verhielten sich die Polizisten repsektvoll und abwartend den Briten gegenüber.

Anfänglich traten die Polizisten den Briten in „vollem Ornat“ entgegen, jedoch erging meistens sofort ein Verbot, Abzeichen der Partei oder mit Hakenkreuzen zu tragen. Nachstehendes Bild zeigt die Situation in Verden (Große Straße) am Nachmittag des 17.04.1945, als 2 Schutzpolizisten einem Briten Platz machen. Beide tragen noch den Mützenadler an der Schirmmütze. Schon am nächstenTag wurden alle Hakenkreuze verboten.


Die Stellung der Polizisten in der unmittelbaren Zeit nach Besetzung war sehr fragil. Es wurden nicht selten offene Rechnungen beglichen, wofür eine einfache Anzeige bei den britischen Behörden reichten. So mancher Landwirt, der wegen Schwarzschlachtung angezeigt wurde, konnte sich hier recht einfach rächen, denn die Beweislast zur Entlastung lag beim Beamten. Daher war es üblich, dass sich die Polizisten in den ersten Wochen sehr zurückhielten. Ein weiteres Problem war, dass die deutschen Polizisten nur deutschen Zivilisten gegenüber Vollzugsrecht hatten. Entlassene Zwangsarbeiter waren Aufgabengebiet der britischen Militärpolizei, ebenso wie Maßnahmen gegenüber britischen Soldaten. Generell war es so, dass Polizisten, die nicht Mitglied in der NSDAP, dummer Junge oder $$ waren und gegen die nichts weiter vorlag, im Dienst belassen wurden. Auf Streife durfte eine Pistole mitgeführt werden, aber das Ziehen der Waffe in Anwesenheit britischer Soldaten hätte sicher böse Folgen gehabt. Es ist aber in ganz Niedersachsen kein Fall bekannt, in der ein Polizist von britischen Soldaten erschossen oder verletzt wurde.
Ein weiteres Problem für die Beamten war die Bezahlung in Reichsmark, für die man in den Jahren bis zur D-Mark-Einführung praktisch nichts auf dem offiziellen Markt kaufen konnte. Falls noch eine Familie miternährt werden musste war das ein hartes Leben. Daher waren die gemeinsam mit britischen Soldaten duchgeführten Streifen sehr beliebt, den so bestand die Möglichkeit, an Zigaretten und Lebensmittel aus britischen Beständen zu kommen.

Die Verwaltung wurde von den Briten in ihrer Besatzungszone am Schnellsten wieder in deutsche Hände gelegt. Schon am 23.05.1945 z.B. wurde der Regierungsbezirk Osnabrück durch deutsche Beamte geführt, natürlich nach Prüfung der Zuverlässigkeit und unter britischer Aufsicht. Ab Juni änderte sich die Haltung der britischen Besatzungsmacht gegenüber der deutschen Bevölkerung. Ein Befehl aus der Zeit: „Ich wünsche, die deutschen Kinder unter den Einfluss des besten britischen Botschafters zu bringen, unter den des einfachen „Tommy“. Ich wünsche, dass meine Soldaten in jedem Dorf im Gebiet des XXX. Korps Sportveranstaltungen und Kindergesellschaften organisieren.“ (General Horrocks, Kommandeur XXX. Korps). Feldmarschall Sir Montgomery fasste dieses am 12.06.1945 in einen einfachen Befehl zusammen: „Soldaten der britischen britischen Besatzungsarmee dürfen mit sofortger Wirkung mit kleinen Kindern sprechen und mit ihnen spielen.“

Weitere Problemfelder für die deutschen Polizisten: Britische Armeefahrzeuge hatten auf allen Straße und zu jeder Zeit absolutes Vorfahrtsrecht gegenüber deutschen Fahrzeugen, was oft zu Unfällen führte und die Polizisten mit der Klärung alleine gelassen wurden. Zusätzlich durchstreiften ganze Banden entlassener Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener die Dörfer um zu plündern. Das änderte sich erst ab Ende Mai, als die Repatriierung der Gefangenen in ihre Heimatländer begann.


3. Möglichkeiten der Darstellung

Sehr gut umzusetzen ist die Darstellung eines Schutzpolizisten im Einzeldienst. Die Unform besteht aus einem Polizeifeldbluse mit Hose und Halbschuhen. Als Kopfbedeckung dient eine Schirmmützer mit entferntem Mützenadler. Am linken Oberarm wird eine weiße Armbnde mit der Aufschrift „Polizei – German Civil Police“ getragen. Alle Orden/Auszeichnungen sind entfernt. Als Koppel wird entweder ein neutrales Zweidornkoppel getragen oder (was zu der Zeit üblich war) ein Koppel mit dem Koppelschloss der ehemaligen Provinz Preußen (für den Raum zwischen Bremen-Hamburg-Hannover). Als Pistole wird eine übliche Polizeiwaffe Pistole PP oder PPK getragen. Fortbewegungsmittel ist ein Fahrrad.
Es wäre perfekt, wenn ein Raum in einem Bürgermeisteramt, Post etc zur Verfügung gestellt würde, oder ein Tisch in einem anderem Dienstraum.

Handlungsideen: Als zuschauerwirksame Aktionen würden sich gemeinsame Streifen mit britischen Soldaten anbieten, bei denen man abgesprochene Durchsuchungen von Personen vornimmt (Hamsterer mit Beschlagnahme von Tauschgut z.B.), Arbeiten im Dienstzimmer (Aufnahme von Personalien, Registrierung von Staftätern etc), vor Ort Aufnehmen von Beschwerden. Alles an Gerätschaften, vom Fahrrad bis zur Schreibmaschine, Akten, Vordrucke sind dazu vorhanden. Eine Absprache vor der Veranstaltung mit anderen Darstellern über durchzuführende Aktionen erhöht den Lerneffekt für Zuschauer.

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BeitragVerfasst: Fr Apr 09, 2021 12:17 pm 
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Spannendes Thema und interessante Zusammenstellung, Frank

ich spiele auch schon seit Jahren mit dem Gedanken an eine Polizeidarstellung für unsere Stunde Null Veranstaltungen und habe seit Jahren eine komplette Ausstattung hier liegen. Aber irgendwie ist bisher immer was dazwischen bekommen. Aber durch Deinen Artikel bekomme ich gerade wieder Lust die Sache anzupacken.

Beste Grüße

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BeitragVerfasst: Di Apr 13, 2021 6:37 pm 
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Ist ein sehr spannendes Thema. Ich habe mich recht intensiv mit der Polizei 1945 - 1947 befasst, Schwerpunkt Niedersachsen-Bremen-Hamburg.

War echt schwer, in den Archiven etwa zu finden, aber einiges kam doch zusammen.
Leider ist Kiekeberg ausgefallen, da wäre mein Auftritt gewesen. Warten wir ab auf 2022.

Die Uniform habe ich auch seit längerem fertig.

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